Nach zwei Jahren wirtschaftlicher Schrumpfung zeigt die deutsche Wirtschaft erste Anzeichen einer Stabilisierung. Die Lage bleibt jedoch fragil: Finanzpolitische Impulse wirken unterstützend, während Handelspolitik und strukturelle Schwächen weiterhin bremsen. Aktuell überwiegen die positiven Effekte, sodass nach einer mageren Erholung im Jahr 2025 ein stärkeres Wachstum für 2026 erwartet wird.
Nach den BIP-Rückgängen 2023 und 2024 startete das Jahr 2025 überraschend positiv. Vor allem vorgezogene Exporte in die USA – aus Sorge vor den damals angekündigten Zöllen – stützten das Wachstum. Im weiteren Jahresverlauf schwächte sich die Dynamik jedoch wieder ab, belastet durch Handelshemmnisse, hohe Unsicherheit und schwache private Investitionen.
Es gibt jedoch auch einige positive Entwicklungen im Jahr 2025. Ermutigend ist die Normalisierung des Preisdrucks: Die Gesamtinflation für das Gesamtjahr dürfte sich auf 2,1 Prozent stabilisieren, was die Realeinkommen verbessert und voraussichtlich den privaten Konsum stützt. Auch der Arbeitsmarkt ist im historischen Vergleich relativ robust geblieben.
Insgesamt wird das BIP-Wachstum für das Jahr 2025 bei +0,2 Prozent liegen. Treiber sind vor allem der private Konsum sowie staatliche Ausgaben. Die US-Importzölle dämpfen jedoch die Exportleistung und begrenzen den Erholungsspielraum. Auch wenn die Unsicherheit seit dem Handelsabkommen zwischen den USA und der EU abgenommen hat1, 2, bleibt sie auf hohem Niveau und belastet weiterhin die Investitionsbereitschaft der Unternehmen sowie das Verbrauchervertrauen3.
2026: Finanzpolitische Impulse im Mittelpunkt
Im kommenden Jahr sollen sich die wirtschaftlichen Bedingungen verbessern – vor allem dank der expansiv ausgerichteten Finanzpolitik. Ein moderater Teil des 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturpakets (hauptsächlich für staatliche Bauinvestitionen) sowie erhebliche zusätzliche Verteidigungsausgaben (sichtbar in staatlichen Ausrüstungsinvestitionen und staatlichem Konsum) werden die staatlichen Investitionen spürbar steigern (Abbildung 1) und das Wachstumstempo im Jahr 2026 erhöhen. Allerdings dürften Umsetzungsverzögerungen und bürokratische Hürden dazu führen, dass die volle Wirkung nur schrittweise eintritt. Zudem reichen zusätzliche Ausgaben allein nicht für eine nachhaltige Wirkung; strukturelle Reformen bleiben notwendig, um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu stärken.
Neben den zusätzlichen staatlichen Investitionen werden die geplanten Entlastungen der Energie- und Strompreise (ab 1. Januar 2026) zusammen mit dem Investitionssofortprogramm für Unternehmen („Investitionsbooster“), das Mitte 2025 eingeführt wurde, die wirtschaftliche Aktivität unterstützen und die private Investitionstätigkeit wieder leicht ankurbeln (Abbildung 1), die sich in den vergangenen Jahren sehr schwach entwickelt haben. Somit liegen die Unternehmensinvestitionen weiterhin deutlich unter dem Vor-Pandemie-Niveau, während die staatlichen Investitionen sehr deutlich, um fast 10 Prozent, steigen dürften.
Abb. 1 - Staatliche Investitionen gewinnen spürbar an Fahrt
Sektorenspezifische Effekte der staatlichen Ausgabenpolitik
Die verschiedenen Sektoren werden unterschiedlich stark von den finanzpolitischen Maßnahmen gestützt. Der Bausektor wird direkt vom Infrastrukturpaket profitieren. Es kann von einem starken Nachfrageimpuls für Bauunternehmen, Planer und Baustoffhersteller ausgegangen werden. Die Rüstungsindustrie und deren Zulieferer profitieren voraussichtlich weiter von den erhöhten Rüstungsinvestitionen. Die Digitalisierungspläne der Regierung dürften positive Impulse für die IT-Branche liefern. Die geplante Energie-/Strompreis-Erleichterungen werden aller Voraussicht nach die energieintensive Industriesektoren leicht entlasten. Auch der „Investitionsbooster“ kommt hauptsächlich dem Verarbeitenden Gewerbe zugute. Dagegen dürften die meisten unternehmensnahen Dienstleistungen eher indirekt von dem Fiskalimpuls profitieren.
Nicht allein die Finanzpolitik zählt
Neben der Finanzpolitik bleibt der private Konsum wohl ein Wachstumsfaktor, gestützt durch moderates Lohnwachstum und eine leicht verbesserte Arbeitsmarktlage. Dies setzt jedoch voraus, dass die Sparneigung stabil bleibt oder weiter leicht sinkt. Die Exportaktivität bleibt verhalten, da die strukturellen Herausforderungen im deutschen Industriesektor voraussichtlich größtenteils weiter bestehen. Die langsam abklingenden Belastungen durch globale Handelskonflikte tragen jedoch auch zu einer allmählichen Erholung der Industrie und Exporte bei.
Abb. 2 - Die deutsche Wirtschaft dürfte die konjunkturelle Flaute hinter sich lassen
Insgesamt wird für die deutsche Wirtschaft im nächsten Jahr ein Wachstum von 1,2 Prozent prognostiziert – davon kommt jedoch 0,3 Prozentpunkte durch die kalenderbedingte höhere Anzahl der Arbeitstage zustande. Das Tempo des Aufschwungs hängt maßgeblich von einer wirksamen Umsetzung der finanzpolitischen Maßnahmen (insbesondere der Infrastrukturinvestitionen) und Fortschritten bei der Bewältigung langjähriger Herausforderungen in den Bereichen Bürokratieabbau, Energie und Sozialversicherungssysteme ab. Eine Verschärfung der geopolitischen Lage sowie erneute handelspolitische Turbulenzen stellen weitere Risiken für diese Prognose dar. Andererseits würde ein Friedensabkommen zwischen Russland und der Ukraine voraussichtlich zu einer höheren Wachstumsdynamik führen. Während der Abschwung offenbar überstanden ist, erfordert Deutschlands Weg zu einer selbsttragenden und dynamischen Erholung weitere Reformen und kontinuierliche Investitionen. Hier dürfte der EU-Wettbewerbsfähigkeitskompass mit seinem Fokus auf Innovation, Energie und Verteidigung unterstützend wirken – wenn er konsequent umgesetzt wird.
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